Willensfreiheit = Fremdbestimmung?

Ein kurzer Artikel über die Willensfreiheit in der heutigen Zeit im Kontext mit Leistungs- und Kostendruck

Eine Freundin und Kollegin von mir berichtete mir unlängst, wie sie ihre Tochter zum Medizinstudium nach Ungarn gebracht hat. Diese hatte knapp die Aufnahmeprüfung für einen Studienplatz in Deutschland verpasst. Es gab nun nur noch die Wahl, zwischen einer Verpflichtung zum Hausarzt nach dem Studium auf dem Land für 10 Jahre – oder die teuren Studiengebühren für die Eltern, samt Unterhalt im Ausland. Wie alle Eltern, wollte auch meine Freundin ihrer Tochter, die für den Rest ihres Lebens wichtige Ausbildung ermöglichen, sie auf dem Weg in den oberen Teil der Gesellschaft unterstützen, zumal sie glücklich war, dass ihr Kind – im Gegensatz zu vielen Schulfreunden – wusste, was es will: Ärztin werden!

Wir unterhielten uns über die Freiheit und Möglichkeiten, die wir in diesem Alter vor 30 Jahren hatten (wir kennen uns seit dem Studium). WGs mit billigen Zimmern, direkt an der Uni, Studentenjobs und jede Menge Zeit, in anderen interessanten Studienfächern rumzustöbern. Der entscheidende Satz, der in dieser Geschichte fiel (die nicht wenig Eltern unbekannt sein dürfte), war dann folgender: „Man kommt sich vor, wie im Kommunismus, alles ist heute begrenzt, die Möglichkeiten auf ein Minimum eingeschränkt.“ Die Jugend von heute kann nicht mehr frei wählen und entscheiden, alles scheint schon vorbestimmt.

Ist der Kapitalismus mit seinem Leistungsdruck zum Kommunismus + Klimaerwärmung geworden? Gibt es noch wirkliche Meinungsfreiheit, wenn man ständig entweder Hass und/oder politische Korrektheit, sogenannte „Shitstorms“ von rechts oder links fürchten muss? Kann man sein Studienfach noch wählen, wenn man NC und Kosten berücksichtigt? Sind nicht schon mit dem Schulabschluss viele Türen zugefallen, vom Wohnort, bis zum Rentenbezug dereinst, von den Möglichkeiten für die eigenen Kinder, bis zur Partnerwahl, von den Urlaubsorten, bis zur Automarke, Ernährung, Kleidung, etc.?

Die Grenzen, die die eigenen Talente, Ausbildung und das Geld heute setzen, werden immer härter, unüberwindbarer, enger. Dazu kommt die Angst vor Klimawandel und Umweltzerstörung, der Wegfall vieler Jobs, durch die Digitalisierung – und der gleichzeitig dadurch entstehende Druck, immer zu den Besten zu gehören, zu den Gewollten, den in Zukunft Gebrauchten, Gutgebildeten… Es scheint so, als wären diese Verteilungskriege die Synthese, aus Kapitalisierung und Selbstbestimmung/Selbstoptimierung, aus Bildungsaufstieg und Staatsverschuldung, Sparkurs und technischer Fortschritt, immer älteren Menschen und immer teureren Sozialversicherungen, kolonialer Postmoderne und Flüchtlingsbewegungen, Populismus und philosophischen, demokratischen Moraldiskursen…

„Macht kaputt, was euch kaputt macht“, steht als Kulturslogan (und archaische Triebhaftigkeit von Lebewesen), der Behauptung von Google-Gründer Larry Page gegenüber, dass die Digitalisierung, als Wohlstand für alle 2.0 (oder ist es schon 4.0?), diese Welt zu einem besseren Ort machen wird.